Couchsurfer’s guide to Europython (Teil 3)


Fortsetzug von Teil 2

Birmingham-night

Town Hall nachts

Mittwoch

Am Mittwoch gab es keine Lighting Talks, dafür einen sehr guten Vortrag von Harold der praktisch 3 kleinere Talks sehr launig zusammenfasste.

Mittlerweile begann ich (zum ersten Mal seit vielen Jahren) Heimweh zu haben, auch ließ meine geistige Aufnahmefähigkeit nach… Ich wurde auf der Europython mit so vielen interessanten neuen Techniken und Menschen konfrontiert dass ich erst einmal Zeit brauchte, um alles zu verarbeiten, aufzuschreiben, mich in Dokumente einzulesen und Programme auszuprobieren. Dafür fehlte mir während der Konferenz nicht nur ein verlässlicher Internet-Zugang sondern schlicht die Zeit und die Ruhe.

scraperwiki

Das SraperWiki Logo


Von den vielen Vorträgen (Nachlese unter www.europython.org) möchte ich nur exemplarisch das Scraperwiki-Projekt beschreiben, da mir dessen Erfinder sehr imponiert: Die von ihm unterstützten NGO’s betreiben Webseiten auf denen Sie die Information aus öffentlich zugänglichen Quellen (z.B. Wahlkampfbroschüren, Sitzungsprotokolle vom Parlament etc.) automatisiert aufbereiten und publizieren. So kann man z.B. sehen welches Land mit welchem anderen Land welche UN-Resolution abgelehnt hat und sich gleich die „History“ des Abstimmverhaltens dieses Landes anschauen.
Beispiel:
Im britische Wahlkampf behaupteten Labour-Abgeordnete, gegen den Irak-Krieg gestimmt zu haben. Mit Hilfe von Scaperwiki konnte nachgewiesen werden dass diese Behauptung stimmte…stets bei jeweils nur einer von insgesamt 7 Abstimmungen; der Mehrheitsbeschluss für den Krieg war nie gefährdet, aber jeder einzelne Abgeordnete konnte sich im Wahlkampf mit einer (einzigen) Anti-Kriegs-Stimme schmücken.

Der Scraperwiki-Projekt sucht dringend Mitarbeiter in ganz Europa, z.B. in Österreich.

Natürlich waren auch andere Vorträge sehr gut, z.B. J. Hartely’s Vortrag über OPEN-GL und Python.

Beim Keynote-Teil beantwortete Guido van Rossum (einige) Fragen der Teilnehmer. So ist er persönlich kein Fan von Eclipse („like driving an 18-wheeler“) und antwortete auf die Frage „Why is there so less media coverage and literature about Python“ mit „write more books !“
Gefallen hat mir seine Antwort auf die Frage, zu welchem Zeitpunkt man von Python2.x auf 3.x wechseln sollte: „If you feel you will profit from the change.“.
Bei Erweiterungen der Sprache Python ist Guido eher zurückhaltend, er möchte nicht dass Python zu „bloated“ wird. Laut seinen Angaben bekommt er täglich Emails von Leuten die begeistert von Python sind und vorher nicht oder kaum programmiert hatten und sich freuen dass Python so einfach ist. Guido möchte das diese Einfachheit bleibt.

horst JENS und Ian Ozsvald

Ian Ozsvald (rechts) und Horst Jens


Die Zeit zwischen den Vorträgen nutzte ich um Ian Ozsvald endlich persönlich kennenzulernen. Ian ist einer der Gründer der Screencasting-Plattform ShowMeDo und seit 4 Jahren kannte ich ihn nur via Email bzw. Skype. Ian hat mit Hilfe der ShowMeDo-Community ein ScreencastingHandbuch geschrieben (in dem u.a. über mich und spielend-programmieren berichtet wird) welches er online als pdf verkauft. Obwohl er keinerlei Geld für Marketing Maßnahmen ausgibt verkauft er durchschnittlich alle 3 Tage eine pdf Version für immerhin 39$, was mir sehr imponiert.

Momentan arbeitet Ian an einem AI-Cookbook, sein Lieblingsthema ist schon von Kindheit an Künstliche Intelligenz (AI).. Sehr viel tut sich auch bei der Software zur Bilderkennung: Es gab einen Laptop der Im Publikum Frauengesichter von Männergesichtern unterscheiden konnte.

Gesichtserkennung

Die Bilderkennungssoftware erkennt nicht nur mein Gesicht (Quadrat) sondern auch korrekt dass ich ein Mann bin (blaues Quadrat, bei Frauen wäre es rosa).

Am Abend gab es das traditionelle Dinner in einem Hotel – ohne Selbstbedienung. Da ich eingeplant hatte lange erst spät heimzukommen und keinen Couchsurfing-Gastgeber verärgern wollte gönnte ich mir eine Nacht in einer Jugendherberge. Für alle Birmingham-Reisenden: Das Hatters-Hostel liegt zwar etwas näher am Stadtzentrum als das Birmingham Central Backpackers; letzteres hat dafür einen viel gemütlicheren, Pub-ähnlichen Aufenthaltsraum und bessere Badezimmer.

Donnerstag

Am Donnerstag fanden wieder die Lightning-Talks statt, leider erst am Nachmittag. Viele Sprecher hatten mit dem Beamer zu kämpfen, am Schluss wurde ein Verbindungskabel zwischen Beamer und VGA-Anschluss als Ursache ausgeforscht. Wenn es nach mir geht können Lightning-Talks gerne die Hälfte des Vortragsprogramms ausmachen… es ist so aufregend wie vor einer Schachtel Überraschungseier zu sitzen.

Birmingham

streetlife

Birmingham Fussgängerzone


Durch den Kontakt mit Couchsurfern und die vielen Wege zwischen meinen Quartieren und der Konferenz konnte ich einen viel deutlicheren Eindruck von Birmingham gewinnen als letztes Jahr. Die folgenden Betrachtungen sind rein subjektiv:
Birmingham ist eine sehr internationale, sehr lebendige Stadt, man sieht alle Hautfarben des ehemaligen britischen Empires. Ich nehme an es gibt manchmal Spannungen oder Ausländerfeindlichkeit aber ich überall einen äußerst höflichen und korrekten Umgang der Menschen miteinander erlebt.
streetlife2

Birmingham Fussgängerzone, Anti-Scientology Gruppe


Speziell (Schalter)beamte beherrschen vollendet die Kunst des „to be so correct that you can’t say they are rude but at the same time to be so unfriendly that you don’t think they like you„. Natürlich gibt es auch freundliche, herzliche VerkäuferInnen, aber die sind ausnahmelos Studenten aus Polen, Deutschland oder Pakistan.
paralympics

Birmingham, Fussgängerzone: Paralympic Team aus China


Birmingham, das ehemalige Herz der industriellen Revolution ist weitgehend de-industralisiert. Sehr gut gefallen hat mir das teilweise noch funktionstüchtige Kanalnetz, welches mit „Narrow-Boats“ befahren werden kann.
narrowboats

Kanal mit Narrowboats


schleuse

Schleuse im Kanalnetz. Die Kanäle sind absichtlich so eng dass man bequem über den Kanal springen kann.


Es gibt riesige Shoppingcenter, ein gut funktionierendes Busnetz und viele interessante Museen. Die endlosen Vorstädte bestehen aus nahezu identischen Ziegelsteinhäuschen. (Damit möchte ich nicht sagen das es keinen Individualismus gibt. Die Vorhangmuster unterscheiden sich von Haus zu Haus, wenn man genau hinschaut. Und jedes Auto hat eine individuelle Nummerntafel. Manche Autos haben sogar verschiedene Farben.) Außerhalb der Innenstadt mit ihren modernen Gebäuden sind sogar Kirchen, Lagerhallen und Museen im gleichen Ziegelsteindesign gehalten wie alle anderen Gebäude auch, nur etwas größer. Die „schönsten“ Gebäude sind öffentliche Pubs, teils mit Fachwerkdesign.
Pub

Wenn ein Gebäude in Birmingham schön verziert ist, dann ist es ein Pub.


Betreffend die typischen Vorstadthäuschen: Obwohl es Gasanschluss zum Kochen gibt hatten alle Duschen die ich gesehen habe einen elektrischen Durchlauferhitzer; die Bauweise der Vorstadthäuschen ist allgemein dünnwandig ohne viel Isolierung oder Schalldämmung. Die Fenster lassen sich teilweise nicht öffnen sondern nur die Oberlichten kippen, was richtiges Stoßlüften erschwert. Dafür ist es an sich oft zugig (es gibt sogar spezielle Lüftungsziegelsteine mit Löchern drin), möglicherweise ein Relikt aus der Zeit der Kaminfeuer. Echtes Kaminfeuer habe ich keines gesehen, die vorhanden waren elektrische Attrappen, eine Art Bildschirmschoner ohne Bildschirm. Allgemein ist das Umweltbewusstsein was Mülltrennung, Energiesparen, Abfallvermeidung etc. niedriger als ich es vom „Kontinent“ gewohnt bin.. Seit der letzten Wahl hat U.K. immerhin eine (!) grüne Abgeordnete im Parlament.
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Beschilderung

Was mir sehr imponiert hat ist die Tatsache dass obwohl die Gegend keineswegs frei von Kriminalität ist (überall warnen Schilder vor Einbrechern) die Polizei standardmäßig keine Schusswaffen trägt. Dafür (oder deshalb) herrscht ein strengerer Umgangston (siehe fotografierte Schilder) bei Kleinigkeiten, von den wirklich vielen Überwachungskameras ganz zu schweigen. Außerdem gibt es in der Stadt für meinen Geschmack zu viel Stacheldraht, möglicherweise wegen der vielen Einbrüche.

toilet

Aufschrift an Innenseite einer öffentlichen Toilette: Nach 20 Minuten geht automatisch die Tür auf, 2 Minuten vorher blinkt ein Warnlicht. Vergessen Sie nciht Ihre Sachen !


Insgesamt kann ich Birmingham vor allem für Studenten empfehlen die ein Semester in England studieren oder arbeiten wollen. Die Lebenserhaltungskosten sind deutlich niedriger als in London, die Stadt ist trotzdem interessant, groß und international.
einfahrt

Drastische Einbahn-Kennzeichnung

Couchsufing

Mein Heimweh wurde mittlerweile stärker und ich versuchte am Abend meinen letzten Couchsurfing-Gastgeber zu erreichen. Außer einem kurzen Telefonkontakt (ich verstand kaum etwas und er sagte er ruft zurück) konnte ich keinen Kontakt herstellen, also fuhr ich einfach mit dem Bus zur vereinbarten Adresse und läutete zur vereinbarten Zeit an der Wohnungstür. Selbstverständlich von einem kleinen, roten, britischen Ziegelstein-Vorstadthäuschen. Es war sogar jemand zu Hause, allerdings hatte der junge Mann aus Frankreich, der mir die Tür öffnete keine genaue Ahnung wo der Gastgeber gerade war aber ich wurde ins Wohnzimmer geführt. Dies war mein bislang bestes Couchsurfing-Erlebnis: Das Vorstadthäuschen wurde von einer bunt zusammengewürfelten internationalen Wohngemeinschaft bewohnt. Da sich die Küche gleich neben dem Wohnzimmer befand wurde ich den ganzen Abend lang von netten jungen Leuten unterhalten. Mein Handy hatte mittlerweile keinen Empfang mehr, doch zu meiner großen Freude gab es ….WLan ! Besser als in der Jugendherberge, wo man in den Aufenthaltsraum gehen musste, gab es hier excellenten WLan-Emfpang… am Sofa ! Eine der WG-Bewohnerinnen schaffte es später Handy-Konakt zu meinem Gastgeber herzustellen aber es kam nur heraus das er die Nacht über fort war und wir am Morgen frühstücken gehen würden. Am Morgen war auch nicht da und so machte ich einen „French leave“ (heimlichen Abgang). Nette Leute, gemütliches Sofa, freies W-Lan… ich bin begeistert von Couchsurfing.

Die nächsten beiden Europython-Konferenzen finden in Florenz statt.
Hope to see you there !

Über Horst JENS

teaching open source game programming to kids
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Eine Antwort zu Couchsurfer’s guide to Europython (Teil 3)

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